Kinder und Jugendliche mit CVI: Sensorische Unterstützung durch SENcastle Access
Was ist CVI und wie entsteht sie?
Die kortikale Sehbehinderung (CVI) ist eine zunehmend häufige Form der Sehbehinderung bei Kindern. Sie entsteht durch Schädigungen der für die visuelle Wahrnehmung zuständigen Hirnstrukturen. Anders als bei anderen Sehbehinderungen, bei denen das Auge selbst oder der Sehnerv betroffen ist, sind die Augen bei CVI anatomisch intakt. Dennoch ist die Fähigkeit des Gehirns, visuelle Signale zu verarbeiten, beeinträchtigt. Kinder mit CVI können zwar routinemäßigen Augenuntersuchungen unterzogen werden, sind aber dennoch nicht in der Lage, ihr Sehvermögen funktional zu nutzen. Die frühe Hirnentwicklung, insbesondere während der pränatalen und perinatalen Phase, ist anfällig für hypoxische, ischämische und traumatische Schädigungen, die Veränderungen in den visuellen Kortexarealen und Bahnen verursachen können (Roman-Lantzy, 2018). Aufgrund der steigenden Überlebensraten von Kindern mit neurologischen Beeinträchtigungen ist CVI in Industrieländern zur häufigsten Ursache für Sehbehinderungen geworden, was erklärt, warum Fachleute ihr deutlich mehr Aufmerksamkeit schenken.
Merkmale und Herausforderungen von Kindern mit CVI
Kinder mit CVI zeigen ein breites Spektrum an Funktionsmustern, die je nach Grad, Lokalisation und Ausmaß der Hirnschädigung variieren. Zu den charakteristischen Mustern gehören eine Vorliebe für bestimmte Farben (z. B. Gelb oder Rot), das Vermeiden komplexer Szenen und Darstellungen, Schwierigkeiten beim Erkennen von Gesichtern und Objekten sowie die Nutzung des peripheren Gesichtsfelds (Dutton & Bax, 2010). Diese Kinder reagieren möglicherweise besser auf sich bewegende Objekte, einfache visuelle Hintergründe und Materialien, die in wiederholter und gleichbleibender Weise präsentiert werden. Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass ihre Sehfähigkeit im Laufe des Tages schwanken kann, abhängig von Faktoren wie Müdigkeit, Raumbeleuchtung und dem Grad der Umgebungsreize. Daher sind eine kontinuierliche Beobachtung, Beurteilung und individuelle Anpassung der Vorgehensweise an jedes Kind unerlässlich.
CVI und Begleiterkrankungen
CVI tritt sehr häufig im Rahmen komplexerer neurologischer Erkrankungen auf. Besonders gefährdet sind Kinder, die vor der 32. Schwangerschaftswoche geboren wurden, ein niedriges Geburtsgewicht aufweisen oder perinatale Komplikationen wie intraventrikuläre Blutungen und hypoxisch-ischämische Enzephalopathie erleiden (Good et al., 2001). CVI findet sich auch bei Kindern mit Zerebralparese, Epilepsie, Hydrozephalus oder genetischen Syndromen wie periventrikulärer Leukomalazie oder West-Syndrom. Zudem ist eine steigende Inzidenz bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zu beobachten, was die komplexe Beziehung zwischen sensorischer Integration und visueller Verarbeitung unterstreicht. Gerade aufgrund dieser Komorbidität ist ein interdisziplinärer Ansatz unerlässlich – nicht nur in der Diagnostik, sondern auch in der anschließenden Planung und Durchführung von Interventionen, die zweifellos auch therapeutische Maßnahmen zur Förderung des Sehvermögens und der visuellen Fähigkeiten des Kindes umfassen werden.
Der Bedarf an gezielter sensorischer Reizgebung
Bei Kindern mit CVI reicht herkömmliche visuelle Stimulation oft nicht aus, um die Entwicklung von Wahrnehmung und kognitiven Fähigkeiten zu fördern. Daher ist es entscheidend, andere Sinnessysteme – insbesondere das Hör-, Tast-, Gleichgewichts- und Tiefensensibilitätssystem – in therapeutische und pädagogische Aktivitäten einzubeziehen. Multisensorische Stimulation muss strukturiert, zielgerichtet und sorgfältig geplant sein, da eine Überstimulation Verwirrung und Rückzug von der Aktivität hervorrufen kann. Kinder mit CVI reagieren oft besser, wenn Reize einzeln präsentiert werden und ausreichend Zeit für Verarbeitung und visuelle Interpretation bleibt. Therapeutische Interventionen, die Licht, Ton, Vibration und taktile Reize kombinieren, können die funktionale Nutzung des Sehens durch die Neuroplastizität des Gehirns fördern (Hyvärinen, 2000).
Multisensorische Räume und CVI
Multisensorische Räume, auch Sinnesräume genannt, bieten mit ihren vielfältigen Sinnesreizen zahlreiche Möglichkeiten zur Förderung und Regulierung von Kindern mit CVI. Ihre Wirksamkeit hängt jedoch von der Anpassungsfähigkeit an die individuellen Bedürfnisse ab. Standardmäßige multisensorische Ausstattungen können oft visuell zu komplex sein, mit Lichteffekten und Spiegelungen, die Kinder mit CVI verwirren und zu Überstimulation führen. Wichtige Anpassungen umfassen die Verwendung einfacher, einfarbiger Hintergründe, den Verzicht auf Spiegelflächen, kontrastreiche Beleuchtung und die Verknüpfung von Reizen mit taktilen oder auditiven Reaktionen. Zudem muss der Raum die kontrollierte Präsentation von Reizen ermöglichen – idealerweise jeweils nur einen. Der Einsatz von Technologien, die es Kindern ermöglichen, aktiv statt passiv zu interagieren, steigert den Wert zusätzlich, indem er ihr Gefühl der Kontrolle und Motivation fördert (Lueck & Dutton, 2015).
Wir stellen Ihnen SENcastle Access vor
SENcastle Access ist eine barrierefreie Version des multisensorischen Systems SENcastle, speziell entwickelt für Kinder und Jugendliche mit komplexen Entwicklungsstörungen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Das Gerät wird auf einem Tisch platziert, sodass Rollstuhlfahrer möglichst nah herankommen und das Innere selbstständig erkunden können. Die Steuerung erfolgt über Standardschalter oder per Blicksteuerung. So wird auch Nutzern, die auf herkömmliche Zugangsmethoden wie Kommunikationshilfen nicht zurückgreifen können, eine aktive Teilhabe ermöglicht. SENcastle Access bietet ein multisensorisches Erlebnis mit visuellen und auditiven Reizen, das durch das taktile, hausförmige Kissen und das Vibrationskissen ergänzt werden kann. SENcastle Access setzt neue Maßstäbe für Inklusion in der Arbeit mit Kindern mit komplexen Entwicklungsstörungen.
Anpassungen von SENcastle Access für Kinder mit CVI
Einer der Hauptvorteile von SENcastle Access für Kinder mit CVI ist die Schaffung einer sensorisch reichhaltigen und gleichzeitig visuell vereinfachten Umgebung. Der einfarbige Sockel und der einfarbige Boden reduzieren die visuelle Komplexität und erleichtern es dem Kind, sich auf die primäre Stimulationsquelle zu konzentrieren – die Lichtsäule und die fünf farbigen Tasten am Sockel. Mithilfe von Steuerkarten lässt sich die LED-Beleuchtung so einstellen, dass die Farbintensitäten für Kinder mit CVI besser erkennbar und effektiver wahrnehmbar sind. Die Möglichkeit, über einfarbige Tasten oder zusätzliche Schalter verschiedene Töne zu aktivieren, ermöglicht in Kombination mit sensorischen Kissen die multisensorische Verarbeitung von Reizen. Dies ist entscheidend für die Entwicklung von Verbindungen zwischen dem Sehvermögen und anderen Sinnessystemen (Roman-Lantzy, 2018). SENcastle Access eignet sich hervorragend zur Umsetzung individueller Therapieziele in einer kontrollierten und motivierenden Umgebung.
Die Bedeutung von Assistenztechnologien
Kinder und Jugendliche mit Sehbehinderung stellen eine besonders vulnerable Gruppe dar, die einen individuellen, aber dennoch flexiblen und inklusiven Ansatz benötigt. Barrierefreiheit, wie sie beispielsweise durch SENcastle Access ermöglicht wird, schafft die Voraussetzungen für eine aktive Teilnahme an sensorischen und geplanten Aktivitäten trotz vielfältiger Beeinträchtigungen. Diese Technologie trägt der Bedeutung visueller Einfachheit, alternativer Zugangswege und multisensorischer Stimulation Rechnung. Der Einsatz von SENcastle Access kann integraler Bestandteil eines Therapieplans sein, der die Entwicklung der visuellen Aufmerksamkeit, der Emotionsregulation und des Gefühls der Kontrolle über die eigene Umgebung fördert. Letztendlich tragen solche Innovationen zu mehr Inklusion und einer verbesserten Lebensqualität für Kinder mit Sehbehinderung und ihre Familien bei.
Referenzen:
1. Dutton, GN, & Bax, M. (2010): Sehbeeinträchtigung bei Kindern aufgrund von Hirnschädigung. Mac Keith Press.
2. Good, WV, Jan, JE, DeSa, L., Barkovich, AJ, Groenveld, M., & Hoyt, CS (2001): Kortikale Sehbeeinträchtigung bei Kindern. Survey of Ophthalmology, 45, 5, 379–408.
3. Hyvärinen, L. (2000): Visuelle Funktionen und Rehabilitation von Kindern mit kortikaler Sehbehinderung. Journal of Visual Impairment & Blindness, 94, 10, 677–689.
4. Lueck, AH, & Dutton, GN (2015): Sehen und Gehirn: Zerebrale Sehbeeinträchtigungen bei Kindern verstehen. AFB Press.
5. Roman-Lantzy, C. (2018): Kortikale Sehbeeinträchtigung: Ein Ansatz zur Beurteilung und Intervention (2. Aufl.). American Foundation for the Blind.